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Keramik

Wie z.B. die Darmstädter die Heiner, die Eberstädter die Gaasehenker oder die Ober Ramstädter
die Stecher, so werden die Bewohner Modaus die Murrer Essisch genannt. (Siehe auch Wikipedia: Ortsneckname) "Murrer Essisch, Päch un Saafe kann mer nur in Murre kaafe!" war ein gängiger Spottvers, mit dem die Bewohner Modaus (=Murre) geneckt wurden. Und wie man hört, soll - in vergangenen Zeiten - dieses Zitat aus falschem Mund gegenüber der Modauer Jugend geäußert, bei Dorffesten gelegentlich zu handfesten Auseinandersetzungen geführt haben. Keramik Im Laufe der Jahre jedoch haben die Murrer den Namen lieben gelernt und sind fast ein bisschen stolz darauf. Vor ca. 30 Jahren haben wir sogar unserem selbstgekelterten Apfelwein den Markennamen " Murrer Essisch" gegeben, und man kann sagen, dass das Stöffche unter diesem Titel eine gewisse (regionale) Berühmtheit erlangte. Gehen "Päch und Saafe" auf das einst hier tätige und längst verschwundene Handwerk der Pech- und Seifensiederei zurück, ist die Bezeichnung "Murrer Essisch" für den Apfelwein, historisch gesehen, nicht ganz richtig. Der eigentliche Murrer Essisch war Traubenwein, der in früheren Jahrhunderten in Modau angebaut wurde und wohl eine "herbe Qualität" gehabt haben muss. Der Modauer Heimatforscher Arthur Funk (1937 - 1993) hat die Geschichte des Odenwälder Weinbaus und des Murrer Essischs im folgenden Bericht beschrieben:

Aus der Modauer Geschichte
von Arthur Funk

Arthur Funk Die Geschichte des ehemaligen Weinbaus in Modau

Es war reine Neugierde, die mich dazu brachte, für den diesjährigen Modauer Grenzgang einmal etwas genauer der Geschichte des "Murrer Essischs" nachzugehen. Zugegeben, von der einstmals großen Bedeutung des Odenwälder Weinanbaus hatte ich keine Vorstellung.

Das Lesen der Schriften, wie sich unsere Vorfahren mühten, bei einer totalen Abhängigkeit von der Natur, ein gefülltes Fass mit gutem Wein unserem Boden abzugewinnen, ist faszinierend und macht nachdenklich zugleich. Das ständige Hoffen, auf den Segen einer guten Ernte, war in unserer Region nicht selten vergebens.

Die Geschichte des Modauer Weinanbaus können wir nicht einzeln, sondern nur eingebettet in die historische Entwicklung des ganzen Odenwälder Weinanbaus betrachten. Die einstige Bedeutung dieser Kultur in unserem teilweise doch recht rauen Mittelgebirge ist älter als der Obstanbau. Im Mittelalter finden wir quer durch den Odenwald, von der Bergstraße bis zum Main, bedeutenden Weinanbau. Besonders von den Südhängen des unteren Mümlingtales, des Gersprenztales mit Reichelsheim als Zentrum, den Hängen von Lichtenberg und der heute noch mit Wein bebauten Umstädter Gemarkung wissen wir, dass der Wein auf ausgedehnten Flächen und zum Teil in guter Qualität angebaut wurde.

In unserer engeren Heimat ist der Weinanbau nicht nur für Nieder-Modau, sondern auch für die folgenden Gemarkungen durch Flurbezeichnungen bezeugt:

Fränkisch Crumbach, Wersau, Brensbach, Reichenbach Gaderenheim, Ernsthofen, Lichtenberg, Rodau, Rohrbach, Reinheim, Nieder Beerbach und Nieder Ramstadt.

Im ausgehenden 16. Und im anfangenden 17. Jahrhundert, bis zum Beginn des 30-jährigen Krieges 1618, hatte der Weinbau in Darmstadt und im Odenwald seine größte Ausdehnung.

In Nieder-Modau wurden Trauben geerntet, vom "Trüben Born" bis zum Weg nach Nieder-Ramstadt, der "Horeth". In der Mitte dieser beiden Gewanne liegt der "Wingertsberg", der für seine Ost- und Südsonne eine gute Lage bietet. An unerer südwestlichen Gemarkungsgrenze befand sich der Ernsthöfer "Wingertsberg". Es ist
der Berg, auf dem sich heute das Kreisjugendheim befindet.

Obwohl wir heute wissen, dass für den Rückgang des Odenwälder Weinanbaus verschiedene Gründe maßgebend waren, kristallisiert sich die klimatische Entwicklung als ein entscheidendes Kriterium sehr deutlich heraus. Aus dem Beitrag zur Geschichte des Weinbaus in Alt-Hessen von Landau wissen wir, dass in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts und Anfang des 17. Jahrhunderts, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Rede ist, von Missernten im Hanauer und Oberhessischen Raum. Pierre Chaunu schreibt in seinem Buch "Europäische Kultur im Zeitalter des Barock", dass im 17. Jahrhundert eine ausgedehnte Kälteperiode erhebliche Veränderungen in den Weinanbaugebieten brachte. Der Autor beschreibt den Weinanbau in Frankreich, Landau, Nordhessen und Hanau. Soviel wissen wir aber, dass eine Schönwetterperiode in Frankreich oder Oberhessen auch im Odenwald die Trauben gedeihen ließ. In einem Schlechtwetterjahr hatten aber die klimatisch günstigen Zonen immer noch eine Chance, ihre Produkte zu verkaufen, während benachteiligte Regionen keine Marktchancen hatten. Dort musste der produzierte "Essig" selbst getrunken werden.

Zweifellos waren die Verheerungen des 30-jährigen Krieges (1618-1648) mit eine Ursache für den Niedergang des Odenwälder Weinbaues. Unsere Dörfer waren weitgehend entvölkert. Sicher hatten die Menschen in dieser Zeit andere Sorgen, als einen Weinberg zu pflegen, dessen Ernten sie gar nicht oder nur schwer verkaufen konnten. Der lange Krieg und eventuelle Rebenkrankheiten können aber nicht ausschlaggebend gewesen sein, weil die Menschen in anderen europäischen Gebieten ebenfalls mit den damaligen Widrigkeiten fertig wurden. Beigetragen zur Verringerung der Chancen für den Odenwälder Landwein hat die zu Anfang des 17. Jahrhunderts stark im süddeutschen Raum in Mode gekommene Bierbrauerei. Die Stadt Darmstadt machte 1629 den Bierausschank ungeldpflichtig. 1630 hat man diese Bierverbrauchssteuer sogar verdoppelt, um der unliebsamen Weinkonkurrenz zu begegnen. Es half nichts. Das Bier als einfach herzustellendes schmackhaftes und preiswertes Getränk machte seinen Siegeszug.

Die Bemühungen der Stadt Darmstadt, den Weinanbau nach dem 30-jährigen Krieg wieder zu aktivieren, hatten vor allem die erhofften hohen Steuereinnahmen zum Ziel. Noch 1676 hat Darmstadt am Wein 466 Gulden verdient, genau die Summe, die die Stadt für die städtischen Bediensteten ausgeben musste.

Im Jahr 1776 wurde der Nieder-Modauer "Wingertsberg" in Ackerland umgewandelt. Übrig geblieben vom einstigen Odenwälder Weinbau in unserer näheren Umgebung
sind ein Weinliebhabergarten bei Brensbach und Reinheim,ein Wingert am Roßberg
bei Roßdorf und der kommerzielle Weinbau bei Groß Umstadt.

Obwohl wir keine festen Angaben haben, dürfen wir annehmen, dass mit der
römischen Besiedelung im Hinterland des Limes ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. Der Wein in den Odenwald kam. Wenn wir in dem Büchlein von Pfarrer von der Au "Die Namen der Gemarkungen Ober- und Nieder-Modau im Odenwald" lesen, dass sich der das alte Modauer Weinanbaugebiet "bei den Kalbschen Besitz und beim Kirchengut in der Nähe des Leichtweges" befand, und in unmittelbarer Nähe auf dem "Krummacker" ein römischer Hof nachgewiesen ist, ist der Erstanbau von Weinreben in unserer Gemarkung durch die Römer nicht auszuschließen.

Ab dem 11. Jahrhundert bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1479, deckten die Grafen von Katzenelnbogen ihren Weinbedarf in ihren Burgen der Obergrafschaft, Auerbach, Zwingenberg, Lichtenberg, Reinheim, Dornberg und Darmstadt überwiegend durch Eigenherstellung. Wie aus einer Rechnung von 1401 hervorgeht, wurden in Lichtenberg 3,5 Fuder, in Zwingenberg 17 Fuder, in Darmstadt und Bessungen 12 Fuder, in Schaafheim 4 Fuder, in Rüsselsheim 3 Fuder und in Dornberg 4 Ohm in Katzenelnbogischen Weingärten erzeugt.

Die Qualität des im Mittelalter gewonnenen Odenwälder Weines war zum Teil sauer und unharmonisch. Berücksichtigen wir nun, dass Modau nicht zu den klimatisch begünstigten Zonen zählt, ist der Ausspruch "Murrer Essisch" durchaus zu verstehen. Spottnamen dieser Art für sauren Landwein hat es nicht nur im Odenwald, sondern auch in Nordhessen, wo ebenfalls ausgedehnter Weinbau betrieben wurde, gegeben. Man half sich, indem man den Wein erwärmte, würzte und gesüßt trank. Wein war nicht in dem Anteil, wie wir das heute kennen, Genussmittel, sondern auch Lebensmittel und Durstlöscher, denn die Qualität des häuslichen Brunnenwassers hat den gesundheitlichen Anforderungen nicht überall entsprochen.

Obwohl im Alltagsleben der bäuerlichen Bevölkerung der Wein keine dominierende Rolle spielte, war es doch ein guter Brauch, Holzversteigerungen, Kaufabschlüsse und Gerichtssitzungen mit einem Weintrunk zu bekräftigen.

Die Landbevölkerung hat vorwiegend Apfelwein und Branntwein getrunken; die städtische Bevölkerung hatte da schon eher eine Vorliebe für den Traubenwein.

Über die Bedeutung des Weines in Darmstadt erfahren wir aus dem Buch "Darmstadts Geschichte" etwas mehr. Im Jahre 1567 legte der Landgraf Georg I nördlich des Schlosses einen Garten an, den heutigen Herrngarten, in dem er Wein, Obst und vielerlei Exotika anpflanzen ließ. 1574 bezog die landgräfliche Kellerei von 50 städtischen Bürgern mehr als 24 Fuder Wein zu 18 Gulden das Fuder. Zur gleichen Zeit wurden Frankenweine mit 30 bis 32 Gulden, Neckarweine mit 34 bis 38 Gulden und Elsässer Weine mit 39 bis 44 Gulden pro Fuder in Darmstadt gehandelt.

Die unterschiedlichen Preise haben sich, damals wie heute, durch die unterschiedliche Qualität ergeben. Gehandelt wurde der Wein in den Maßeinheiten Ohm und Fuder, die allerdings, wie das heute auch noch der Fall ist, in den einzelnen Weinbaugebieten unterschiedliche Inhalte hatten. So hatte in Darmstadt ein Fuder 900 Liter und ein Ohm ca. 15 Liter Inhalt. Für den Weinausschank in den Gasthäusern haben sachverständige Leute für die Stadt Ungeld und einen Weinpfennig erhoben. Diese Weinverbrauchssteuern waren für Darmstadt vor dem 30-jährigen Krieg die höchsten städtischen Einnahmen. Von daher ist es gut zu verstehen, dass den Weingütern in der Darmstädter Gemarkung eine besondere Pflege zuteil wurde.

Wird man es in Modau noch einmal probieren? Wer wissen will, wie der "Murrer Essisch" schmeckte, der kann ja selbst einen Rebstock pflanzen. Ebenso wie der Anbau von Obst, der zwar nicht rentabel, aber wegen seiner guten Qualität sehr beliebt ist, könnte doch so mancher Mitbürger an seinem Haus oder in seinem Garten als Liebhaberei Wein anpflanzen. Das geltende Weinwirtschaftsgesetz erlaubt die Neuanpflanzung von einem Ar (100qm).

Der Bezug von Pfropfreben und nähere Einzelheiten sind in der Weinbauschule in Eltville (Rhein), Wallufer Str. 19 zu erfragen. Für den, der es wagt, bin ich sicher, es gäbe nicht alle Jahre "Murrer Essisch".

Literatur: Von der Au       Die Namen der Gemarkungen Ober- und Nieder-Modau im                                             Odenwald

H.W. Debor                     Geschichte des Wein- und Obstbaues im Odenwald

Wolf, Battenberg             Darmstadts Geschichte

Hch. Maulhardt               Die wirtschaftlichen Grundlagen der Grafschaft Katzenelnbogen              im 14. Und 15. Jahrhundert

Arthur Funk Nieder-Modau, im Herbst 1985